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PUPPENHAUS (2016)

Witzig, spritzig und so berührend - ein wunderbarer Liebesroman

Eine schwungvolle Liebeskomödie um echte und falsche Traumprinzen, die große Liebe und eine waschechte Puppe!

 

Puppenhaus – Romantische Liebeskomödie – Leseprobe

1. Kapitel - Ein unverhoffter Kuss


Der Scheidungstermin war für elf Uhr angesetzt und jetzt ist es neun Minuten nach. Nervös rutsche ich auf dem Sitzpolster herum, schaue zur Tür und wieder auf die Wanduhr. Der Zeiger rückt eine weitere Minute vor. Verdammt, kann Pierre nicht wenigstens heute mal pünktlich sein?
Bestimmt hat sein Flug Verspätung, sagt eine beschwichtigende Stimme in meinem Innern. Diese Stimme glaubt, alles besser zu wissen, und sie geht mir echt auf den Geist.
Der graubärtige Richter und seine Mitarbeiterin stecken die Köpfe zusammen, tuscheln und rücken wieder voneinander ab. Neben mir ordnet der Rechtsanwalt die vor ihm liegenden Papiere, staucht den Stapel auf dem Tisch auf und legt ihn in den geöffneten Aktenkoffer.
„Wir vertagen den Termin“, verkündet der Scheidungsrichter, erhebt sich von seinem Stuhl, und in diesem Moment wird die Tür aufgestoßen.
Johnny Depp kommt herein. Nein, natürlich ist er es nicht, es ist Pierre, aber er könnte fast als Captain Jack Sparrow durchgehen. Fehlt nur der Knochen- und Perlenschmuck in den Haaren. Na ja, und der überdimensionale Treckingrucksack passt irgendwie auch nicht ins Bild.
Der Richter setzt sich wieder hin und ich atme erleichtert auf. Das ist das letzte Mal in meinem Leben, dass ich mich mit Pierre in einem Raum aufhalten muss. Wenn ich diesen Termin überstanden habe, werden sich unsere Wege nie wieder kreuzen. Pierre wird sich kopfüber ins nächste Reiseabenteuer stürzen und ich werde weiterhin Unterwäsche in einem Kaufhaus verhökern und die Abende einsam in meiner Fünfundvierzig-Quadratmeter-Wohnung verbringen.
Nur so lange, bis du weißt, was du wirklich willst.
Ja, ja, und wann bitteschön soll das sein? Ich warte schon seit achtzehn Monaten auf die Erleuchtung und habe nicht mehr viel Hoffnung.
„Hi“, ruft er grinsend in den Saal und schält sich aus dem Rucksack.
Er hat sich ein rotes Tuch um die Stirn gebunden, sein weit geschnittenes Shirt gibt den Blick auf seine Brust frei, die von einem feinen Schweißfilm benetzt ist.
Siehst du, er hat sich beeilt!, kommentiert die Stimme.
Meine Nasenspitze fängt an zu kribbeln. Oh nein, bitte nicht! Bitte nicht jetzt! In heiklen Situationen juckt mir die Nase. Ich fummle dann automatisch an meiner Nase herum, bis sie feuerrot ist. Energisch klemme ich meine Hände unter die Oberschenkel und verlagere mein Gewicht darauf. Ich werde an meiner Ehescheidung nicht als Rotnasenclown teilnehmen, nein, das werde ich nicht!
„Sind Sie Pierre de Almeida Santos?“, bellt der Richter und als Pierre bejaht, weist er ihm einen Platz am gegenüberliegenden Tisch zu.
Zumindest habe ich bei der Eheschließung meinen eigenen Nachnamen behalten. Lissy de Almeida Santos, wie bescheuert hört sich das denn an? Ich heiße Lissy Stelljes, fertig, aus. Eigentlich Elisabeth, aber so nennt mich nur mein Vater. Okay, genau genommen war es Pierre, der die Sache mit den Nachnamen entschieden hat. Er fand einen gemeinsamen Familiennamen uncool.
Der Rechtsanwalt auf dem Stuhl neben mir holt schnell die Papiere wieder aus dem Koffer. Der Richter rückt den Kragen seiner Robe zurecht und räuspert sich.
Anstatt sich hinzusetzen, rollt Pierre die Schultern und wiegt den Kopf hin und her, so wie manche Leute das machen, wenn sie einen verspannten Nacken haben. Die Gerichtsbedienstete betrachtet das Spiel seiner Muskeln mit leicht geöffneten Lippen und der Richter räuspert sich erneut. Meine Nase macht mich wahnsinnig, ich wende den Blick von Pierres Lockerungsübungen ab und konzentriere mich auf die Maserung der Tischplatte.
Plötzlich rieche ich Kokosöl und sehe braungebrannte Füße in wildledernen Mokassins. Was …?
„Hallo Lissy!“
Irritiert schaue ich hoch – und spüre Pierres Lippen auf meinen. Ist das zu glauben, der besitzt doch tatsächlich die Frechheit, mich zu küssen! Ich bin so perplex, dass es mir glatt die Sprache verschlägt. Heiße Röte steigt mir ins Gesicht, meine Lippen fühlen sich taub an. Ich hätte ihm eine Backpfeife verpassen können, so wie empörte Damen in Filmen das tun, aber ich sitze ja auf meinen Händen.
Mit den geschmeidigen Bewegungen eines Panthers schlendert er rüber zu seinem Platz.
Mein Sprachzentrum ist wieder betriebsbereit. Wurde auch Zeit!
„Hast du sie noch alle? Was fällt dir ein, mich zu küssen?“, quieke ich, aber er reagiert nicht, sondern gleitet auf den Stuhl und lauscht dem Richter, der die Verhandlung nun für eröffnet erklärt.
„Haben Sie das gesehen?“, wende ich mich aufgebracht an meinen Nebenmann. „Der hat mich mitten auf den Mund …“
Der Rechtsanwalt hebt einen manikürten Zeigefinger. „Pscht“, macht er, als wäre ich ein ungezogenes Kindergartenkind. Ich ignoriere seinen Finger und seine Mahnung.
„Wo gibt’s denn sowas?“ Meine Stimme überschlägt sich. „Ich verlange …“.
Der Richter haut mit seinem Hammer auf den Tisch. „Ruhe im Saal!“, donnert er.
Das gibt’s doch nicht, die müssen doch irgendwas unternehmen! Wir sind hier schließlich bei Gericht! Ich meine, dieser Mann da drüben hat mich gegen eine dunkelhäutige Schönheit eingetauscht und nun kommt er daher und drückt mir einfach einen auf? Wutschnaubend starre ich rüber zu meinem zukünftigen Ex-Mann. Der lächelt mich treuherzig an.
Mit gleichförmiger Stimme liest der Richter den Antrag vor. Ich hör nur mit halbem Ohr hin, bis er das Datum unseres Hochzeitstags nennt und vor meinem inneren Auge Bilder auftauchen, die ich seit anderthalb Jahren konsequent verdrängt habe. In meinem Hals bildet sich ein Kloß von der Größe eines Kürbisses und macht mir das Schlucken unmöglich.
Mein Blickfeld verschwimmt, ich kämpfe mit dem Kloß und als der Richter fragt, ob wir in die Scheidung einwilligen, kriege ich nur ein Krächzen heraus. Ich bilde mir ein, dass Pierres fragender Blick auf mir ruht, bevor er ebenfalls zustimmt. Meine Nasenspitze brennt wie Feuer und mir wird bewusst, dass ich nicht mehr auf meinen Händen sitze.
Stühle werden zurückgeschoben, alle erheben sich, der Spuk ist vorbei. Wie eine Schlafwandlerin verlasse ich den Gerichtssaal und muss dabei an meine Eltern denken, die sich damals alle Mühe gegeben hatten, mir Pierre auszureden. Ihre Warnungen hatten mich in meinem Entschluss jedoch nur bestärkt. Pierre war ein Abenteurer, er liebte die Freiheit und er würde mich niemals in ein Gefängnis sperren. Ich würde nicht so enden wie meine Mutter, die ihre Träume begraben hatte, um das Leben mit meinem engstirnigen Vater auf einem abgelegenen Bauernhof zu fristen.
Ein Sonnenstrahl fällt durch die mannshohen Glasscheiben im Flur des Gerichtsgebäudes. Meine Schritte klingen hohl auf dem gebohnerten Steinboden. Das einzig Gute an diesem Tag ist, dass ich heute nicht zur Arbeit muss. Ich werde jetzt nach Hause fahren, mir Joggingklamotten anziehen und den Stadtpark ansteuern. Nach zwei oder drei Runden um den Bootsteich mit Amy Winehouse auf den Ohren werde ich hoffentlich wieder klarkommen. Anschließend werde ich meine Wohnung auf Hochglanz bringen.
Das hast du doch gestern erst gemacht.
Ich werde meine Zimmerpflanze umtopfen und meine Kontoauszüge sortieren.
Warum liest du nicht zur Abwechslung das Telefonbuch?
Eine weinende Frau hockt einsam auf der Bank vor den Fensterscheiben. Die Frau schluchzt, ihre Schultern beben, sie hat die Ellenbogen auf die Knie gestützt und das Gesicht in den Händen vergraben. Ihrer Kleidung nach zu urteilen steht sie kurz vor der Rente. Die Ärmste, was ihr wohl Schlimmes zugestoßen ist? Ich bleibe stehen, aber sie nimmt mich gar nicht wahr.
„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, erkundige ich mich und bemerke erleichtert, dass der Kloß in meinem Hals auf ein erträgliches Maß geschrumpft ist.
Im Zeitlupentempo hebt sie den Kopf. Aus babyblauen Kulleraugen schaut sie mich so verwundert an, als käme ich von einem anderen Stern. Ihr rundes, blasses Gesicht ist mit rötlichen Flecken übersät, ihre Lider sind verquollen. Eine aschblonde Strähne klebt als Löckchen an ihrer Stirn, ihr übriges Haar ist glatt und mittellang. Ich hab mich getäuscht, die Frau ist um die dreißig, also in meinem Alter.
Ihr voller Busen bebt, sie kann den Schluchzer nur mit Mühe unterdrücken. „Ich könnt‘ ein Taschentuch gebrauchen. Oder auch zwei“, stammelt sie entschuldigend, als hätte sie eine übertriebene Forderung gestellt. Um mir zu beweisen, dass sie sich nicht bereichern will, öffnet sie ihren braunen Stoffbeutel und zeigt mir eine leere Packung.
Ich fasse in meine hintere Hosentasche, ziehe ein volles Paket heraus und reiche es ihr. Wenn ich Jeans kaufe, dann achte ich darauf, dass sie große Taschen haben. Da passt alles rein, was ich brauche, und ich muss keinen Beutel oder Tussikoffer mit mir herumtragen.
Umständlich fummelt sie ein Taschentuch heraus, faltet es auseinander und schnäuzt sich. „Danke schön“, murmelt sie, faltet es zusammen und prustet noch einmal hinein. „Ich heiß‘ übrigens Barbara.“
„Lissy“, entgegne ich und setze mich neben sie. Ein Hauch ihres Maiglöckchenparfums steigt mir in die Nase. Was auch immer Barbara widerfahren ist, ich glaube, sie braucht gerade ganz dringend jemanden, der ihr zur Seite steht.
Barbara erinnert mich an diese knuffigen Schlenkerpuppen aus Frotteestoff. Ihr fehlt jegliche Körperspannung und sie ist von ihrem Idealgewicht meilenweit entfernt. Sie ist rund und weich und irgendwie drollig.
„Ich bin jetzt geschieden“, sagt sie mit Grabesstimme. Sie faltet das nächste Taschentuch auseinander und wischt sich damit über die Augen.
„Willkommen im Club.“
Ich muss schon wieder an meine Eltern denken. ’Was man anfängt, das hält man auch durch‘, ist ihre Version von ’Wer A sagt, muss auch B sagen‘. Ich kriege das mit dem B nicht hin. Vor ein paar Jahren habe ich mein Studium abgebrochen und vor ein paar Minuten meine Ehe an die Wand gefahren. Ich hab versagt, und zwar auf ganzer Linie.
Barbara wirft mir einen Seitenblick zu. „Ich wollte mich nicht scheiden lassen.“ Ihr Busen bebt erneut und sie schluckt den Schluchzer tapfer runter. „Bis zuletzt hab ich gehofft, dass er sich’s anders überlegt.“
„Sei froh, dass er’s nicht getan hat. Du hast es nicht nötig, einem Mann hinterherzubetteln.“
Sie fasst nach meiner Hand, drückt sie kurz und lässt sie wieder los. „Danke. Du bist lieb, Lissy.“
Vom hinteren Flur sind gedämpfte Stimmen zu hören. Der Scheidungsrichter, seine Mitarbeiterin und der Rechtsanwalt biegen um die Ecke. Die Herren sprechen über ein Bundesligaspiel und der Richter outet sich als Bayern-Fan. Daraufhin gratuliert ihm der Anwalt so überschwänglich zum Meisterschaftssieg, als hätte der Richter die entscheidenden Tore selbst geschossen. Die Gerichtsdienerin streift Barbara und mich mit einem Blick, dann starrt sie wieder geradeaus. Der Anwalt nickt mir im Vorbeigehen zu. Verabschiedet haben wir uns ja vorhin schon und meine Rechnungsadresse hat er auch.
Kaum ist der Tross an uns vorübergezogen, schlendert Pierre heran. Hinter seinem Kopf ragt eine zusammengerollte Iso-Matte samt Schlafsack auf. Er scheint Barbara gar nicht wahrzunehmen und wendet sich mir mit strahlendem Lächeln zu. „Woll’n wir beide was Essen gehen? Curry-Huhn? Oder Iskender mit Schafskäse?“
Barbara lässt das benutzte Taschentuch in ihrem Stoffbeutel verschwinden und schaut auf ihren Schoß.
„Garantiert nicht!“, fauche ich. „Und wage es ja nie wieder, mich zu küssen.“ Ich hebe drohend das Knie.
Er lacht sich kaputt. „Huuuuh!“, ruft er albern, wirft die Hände schützend vor sein bestes Stück und springt einen übertriebenen Schritt rückwärts. „Da ist aber jemand empfindlich!“
Ich atme tief durch. Es ist reine Energieverschwendung, sich mit einem Idioten anzulegen. „Mach’s gut Pierre. Schönes Leben noch.“ Ich winke ihm wie zum Abschied zu, als Zeichen, dass er endlich verduften soll. Aber Pierre tut selten das, was andere Menschen von ihm erwarten.
Barbaras Tränen sind versiegt. Sie fasst in die Tasche ihres Blazers, setzt ihre Brille auf und beobachtet Pierre verstohlen. Er steht breitbeinig da, zieht sein Handy raus und tippt auf dem Display herum. Dann schaut er angestrengt durchs Fenster in den strahlendblauen Himmel, als müsse er sich gegen einen plötzlichen Wetterumschwung wappnen. Endlich verstaut er das Handy und hakt mit den Daumen hinter die Träger seines Rucksacks. „Wir sehen uns“, meint er und trollt sich.
Ich hoffe, das war weder eine Drohung noch ein Versprechen.
„Donnerwetter, war das dein Ex?“, staunt Barbara und ich nicke grimmig. „Der sieht ja aus wie dieser Schauspieler! Du weißt schon, der aus ’Fluch der Karibik‘.“
„Kann schon sein“, erwidere ich lahm, streiche eine widerspenstige Locke, die sich aus meinem Zopf gelöst hat, aus meinem Gesicht und klemme sie hinters Ohr. Pferdehaare. Friedolin, das alte Ackerpferd meines Vaters, hat struppiges Fell in derselben Farbe. Ein gutmütiger Rotfuchs, auf dessen breitem Rücken ich reiten lernte.
„Ist er ein Vagabund oder so etwas?“
Ich schrecke aus meinen Erinnerungen auf. „Pierre? Der tingelt durch die Weltgeschichte. Als ich ihn kennenlernte, fand ich das unheimlich spannend. Wir waren ein paar Jahre zusammen unterwegs.“
„Das war bestimmt wunderbar romantisch“, ruft Barbara begeistert.
Energisch verscheuche ich das Bild der dunkelhäutigen Schönheit. „Eine Weile schon“, stimme ich ihr zu. Plötzlich schmecke ich Wüstenstaub auf meiner Zunge, ich denke an die Bishnoi, die mitten in der indischen Thar-Wüste leben. „Ich habe beeindruckende Menschen kennengelernt. Und unbeschreibliche Naturschauspiele gesehen“, höre ich mich sagen.
Barbara fasst wiederum nach meiner Hand. Sie fühlt sich warm und weich an. „Sei nicht traurig. Vielleicht ist dein Traumprinz schon in diesem Moment auf dem Weg zu dir.“
Ich fliege zu ihr herum und entreiße ihr dabei meine Hand. „Traumprinz?“, speie ich und bereue, dass ich so heftig reagiert habe, als ich Barbaras erschrockenes Gesicht sehe. „Sorry, aber ich glaube nicht mehr an Märchen. Und von Männern habe ich die Nase gestrichen voll.“
Barbara streicht sanft über meinen Oberarm. „Pierre hat dich ziemlich verletzt, nicht wahr?“
Tränen schießen mir in die Augen, meine Kehle schnürt sich zusammen. Verdammt, ich werd doch wohl nicht etwa heulen?
Klackernde Absätze sind zu hören und dann eine gellende Frauenstimme. „Hau bloß ab, du Scheißkerl! Und wehe, du zahlst nicht pünktlich! Wenn dein Unterhalt nicht am Monatsersten auf meinem Konto ist, bin ich sofort beim Anwalt, verlass dich drauf!“
„Puh“, macht Barbara und tut, als müsse sie sich Luft zufächeln.
Ein platinblondes Daniela Katzenberger-Double stöckelt heran. Sie trägt ein hautenges Top mit Leopardenmuster, ihre langen Beine stecken in pinkfarbenen glänzenden Leggins und ihre Füße in Pumps mit monstermäßig hohen Absätzen. Kleidergröße 34, Körbchengröße 75 D. Ich muss an Henry denken, meinen Arbeitskollegen und besten Kumpel. Wir machen uns manchmal einen Spaß daraus, heimliche Wetten bezüglich der Maße unserer Kundinnen abzuschließen. Er hätte vermutlich auf 75 C getippt und gewonnen. Henry gewinnt meistens.
Der unterhaltspflichtige Mann ist der Blonden auf den Fersen. „Amanda, bitte beruhige dich“, beschwört er sie. „Wir können doch wie ganz normale Menschen miteinander reden.“
„Völlig unmöglich. Du bist nämlich nicht normal. Du bist ein unterbelichteter Perverser mit einem Würmchen in der Hose. Und jetzt lass mich in Ruhe“, schnappt sie.
Die beiden sind nun fast auf unserer Höhe. Ich wundere mich über den Mann, der trotz der Beleidigungen nicht aufgibt. „Amanda“, sagt er bittend und fasst leicht nach ihrem Arm. Daraufhin schreit sie so laut um Hilfe, als würde ihr jemand ein Messer an die Kehle halten. Ihr Schrei ist so schrill, dass Barbara und ich uns die Ohren zuhalten.
Sie baut sich vor uns auf. „Ihr beide seid meine Zeuginnen! Ihr habt genau gesehen, dass Victor mir an die Wäsche wollte, nicht wahr?“, kreischt sie.
Wir nehmen die Finger aus den Ohren.
„Was haben wir?“, fragt Barbara verdattert.
Amandas Begleiter sucht kopfschüttelnd das Weite. Sie zeigt ihm den Mittelfinger und als er durch die Ausgangstür verschwunden ist, lässt sie sich aufatmend neben mir auf der Bank nieder. „Das ist ja gerade nochmal gut gegangen“, seufzt sie zufrieden. „Der Richter hatte ein Einsehen und ich krieg den Höchstsatz. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!“
Sie beugt sich vor und mustert uns. Ihre Ballonbrüste machen Anstalten aus dem Top rauszuspringen. „Wer seid ihr zwei überhaupt? Und was ist mit euch los? Seid ihr depressiv oder was?“
„Das ist Lissy und ich heiße Barbara und wir wurden heute geschieden.“
Amanda rutscht ein Stück von mir weg. „Seid ihr lesbisch?“
„Wir wurden von unseren Ehemännern geschieden“, stelle ich richtig und sie entspannt sich wieder.
„Hey, wie cool ist das denn? Drei frisch geschiedene Frauen! Darauf müssen wir anstoßen!“ Sie springt auf, und ihre Brüste ruckeln sich wieder unterm Shirt zurecht. Barbara und ich schauen uns unschlüssig an.
„Na los, ihr Transusen, worauf wartet ihr? Wollt ihr etwa hier sitzen bleiben und weiter Trübsal blasen? Kein Mann der Welt ist es wert, dass man auch nur eine Träne seinetwegen vergießt! Kommt schon, lasst uns einen schnasseln!“
Ich denke an die Amy-Winehouse-Joggingrunden um den Bootsteich, die meinen Kopf freipusten sollen. Und an meine Wohnung, die pikobello sauber ist. Nun, eine Stunde könnte ich erübrigen, oder? Barbara atmet tief ein und wieder aus. Dann lächelt sie mich an, zwinkert mir zu, schultert ihren Leinenbeutel und fasst nach meiner Hand…